Franz Weber, Kämpfer von Natur für Natur und Kultur

Franz Weber und Brigitte Bardot im Kampf für die Robbenbabys.
Medienkonferenz 1977 in Blanc-Sablon, Kanada.

Fünfzig Jahre lang hat Franz Weber gekämpft für die Rettung von Natur und Landschaften, für den Tierschutz und die Erhaltung von Baudenkmälern. Weber ist Basler ‒ er darf nicht fehlen in der WWF-Serie über Persönlichkeiten aus der Region, die sich speziell für Natur und Umwelt eingesetzt haben.

Franz Weber kam am 27. Juli 1927 zur Welt. Und zwar in Basel, was man noch heute sehr gut hört. Er machte zuerst eine kaufmännische Ausbildung und reiste 1949 nach Paris, wo er an der Sorbonne studierte und das karge Leben eines jungen Dichters führte. Es folgte eine Karriere als Journalist, Weber berichtete als Reporter für grosse schweizerische und deutsche Zeitschriften und kam weit in der Welt herum.

Er lernte die Crème de la Crème aus der Literatur, der Kunst und dem Showbusiness kennen, darunter Jean Cocteau, Eugène Ionesco, Georges Simenon, Salvador Dalí, Pablo Picasso, Jacques Brel, Jane Fonda, Charles Aznavour, Françoise Hardy und Brigitte Bardot. Teils machte Weber diese Bekanntschaften, weil er die Stars interviewte, teils weil sie sich in derselben Pariser Bohème bewegten wie er selber.

Den Wandel, der dann folgen sollte, fasst Tochter Vera Weber so zusammen: «Franz Weber wollte mit 25 Jahren Dichter werden und die Natur ‒ die Schönheit der Natur besingen; aber er stellte fest, dass er sie zuerst retten musste, um sie besingen zu können …»

Der freundliche Herr kann auch anders
Ich erlebe Franz Weber als sehr freundlichen, gepflegten älteren Herrn. Etwas Mondänes haftet ihm an. Auch seine Frau und Mitstreiterin Judith ist von gewinnendem und sehr charmantem Wesen.

Nun ist Franz Weber mit seinen 88 Jahren vielleicht etwas altersmilde geworden. Es ist bekannt, dass er durchaus auch anders konnte. Im Kampf für eine Sache, die er für richtig hielt, nannte er die Gegner Frevler, Halunken, Spekulanten, Gesindel ...

Ein halbes Jahrhundert hat Franz Weber gekämpft, mit Öffentlichkeits- und Medienkampagnen, Initiativen, Demonstrationen, Einsprachen und vielen fantasievollen Strategien und Aktionen. Alles begann 1965 mit dem Kampf für die Rettung der Oberengadiner Seenlandschaft mit Silsersee, Silvaplanersee und St. Moritzersee. Die Zitate zu dieser Geschichte stammen aus Webers Buch «Die gerettete Landschaft».

Gerettet: die Oberengadiner Seenlandschaft. Hier der Silvaplanersee, Blick von Surlej Richtung Sils. Geplant war eine Tourismusstadt für 25ʼ000 Menschen.

Surlej 1965: Ein «Narr» nimmtʼs auf gegen die «Geldhaie»
Im Jahre 1955 sah Franz Weber die Oberengadiner Seenlandschaft zum ersten Mal. Er war begeistert – nein, ergriffen: «Da lag plötzlich, überraschend, unwirklich und ergreifend in seiner Schönheit der Silvaplanersee vor mir. Traumverloren, unter silbrigem Dunst, ruhten seine weiten Wiesenufer, in Eis gefasst seine schimmernde Fläche. (…) Alles atmete Reinheit und Frieden.»

Als Weber im Herbst 1965 im «schönsten Tal der Welt» (Nietzsche und André Gide) ein paar Tage ausspannen wollte, fühlte er sich erneut im Innersten getroffen, aber auf andere Art als zehn Jahre zuvor: «Bauhalunken» hatten am Waldrand oberhalb des Dorfkerns von Surlej «den brutalsten, hässlichsten Parkplatz der Welt hingepflastert. Sie hatten sich am Unantastbaren vergangen. Ich war ausser mir vor Zorn»

Der Parkplatz sollte Auftakt sein für den Bau einer Tourismusstadt mit 25ʼ000 Einwohnern beziehungsweise Betten ‒ ein hochkonjunktureller Aberwitz.

Franz Weber hat eine schlaflose Nacht. Wie liesse sich die Verschandelung der Seenlandschaft verhindern? Wer würde es aufnehmen gegen «die schlimmsten Geldhaie Europas»? Nur ein Narr, scheint es Weber, kann das wagen. Und er beschliesst in dieser Nacht, dass er selbst dieser Narr sein werde.

Mit einigen Gleichgesinnten gründet unser Narr die Schutzvereinigung «Pro Surlej» und prangert in allen Zeitungen, die ihm ihre Spalten öffnen, den geplanten Naturfrevel an. Es wird ihm aber klar, dass es nicht genügen würde, «über die geschändete Heimat zu weinen», sondern dass man den bedrohten Boden würde schützen müssen. Aber wie? «Ganz einfach: mit den Waffen des Feindes, mit Geld.»

Pro Surlej beginnt Geld zu sammeln und ruft die Einheimischen auf, bestimmte Landparzellen gegen wenig Geld an die Schutzvereinigung zu verkaufen. Die Strategie besteht darin, den «Landschaftsvandalen» den Zugang zum See abzuschneiden, gefährdete Grundstücke einzukreisen und deren Erschliessung mit Wasser-, Strom- und anderen Leitungen zu verhindern.

Eine siebzigjährige Silvaplanerin verkauft 14ʼ000 Quadratmeter Land an Pro Surlej, zum Preis von fünf Franken pro Quadratmeter anstelle der siebzig Franken, welche die «Baulöwen» anbieten. Andere folgen dem Beispiel und die Strategie der Umzingelung beginnt zu wirken.

Weber mobilisiert die internationalen Medien
Weber lebt und arbeitet noch immer in Paris. Nun nutzt er seine Kontakte und seine journalistische Erfahrung, um die Medien Frankreichs für sein Anliegen zu mobilisieren. Unermüdlich, beharrlich und mit der ihm eigenen Überzeugungskraft pilgert er von Redaktion zu Redaktion. Und tatsächlich: Grosse Zeitungen und vielgelesene Zeitschriften berichten über die gefährdete Landschaft im entlegenen Bergtal des Nachbarlandes, darunter der «Figaro», «Le Monde», «LʼExpress» und «Elle». Es folgen wichtige Radio- und Fernsehstationen.

Die deutschen Medien ziehen nach, «Schafft Hunderte von Surlejs!», titelt die «Süddeutsche Zeitung». Jetzt knöpft sich Weber die Schweizer Redaktionen vor. Der Druck der internationalen Medien und des nationalen Kämpfers wirkt. Auch viele Schweizer Zeitungen und Zeitschriften prangern die geplante Landschaftszerstörung an.

Mittlerweile droht das Geld für die Landkäufe und die Kampagne auszugehen. Weber sucht die Rettung in einem grossen Galaabend, an dem Gutsituierte die Kasse wieder füllen sollen. Er mietet den grossen Festsaal im Zürcher Grand Hotel Dolder und versucht, illustre Gäste als Zugpferde für den Anlass zu gewinnen: Er schreibt an Herbert von Karajan, Alfred Hitchcock, Orson Welles, Yehudi Menuhin und den französischen Minister Robert Poujade, der damals der einzige Umweltschutzminister in ganz Europa ist. Unverfroren ‒ es geht ja um eine wichtige Sache ‒ verschickt Weber Einladungen und kündigt seine Stars an, ohne deren Zusagen abzuwarten.

Zuerst kommt es, wie es hat kommen müssen: Die Stars bleiben aus. Immerhin nehmen ein Bundesrat, der Bündner Regierungspräsident und der Zürcher Stadtpräsident teil. Doch dann kommt es gut: Es kommen an diesem Abend über 450ʼ000 Franken zusammen und dieser Betrag verdoppelt sich in der Folgezeit noch.

Schliesslich fordert ein Bündner Kantonsparlamentarier eine Schutzverordnung für die Oberengadiner Seenlandschaft. Regierung und Parlament heissen den Antrag 1972 gut! Die Seenlandschaft ist gerettet.

Gerettet: das Grandhotel Giessbach über dem Brienzersee.

Kampagnen nach Surlej

Es folgen die Verbesserung der Linienführung einer Autobahn am Ufer des Sempachersees (1972), die Verhinderung eines Höhenflugplatzes in Verbier (1976), der Schutz der Weinberge des Lavaux vor Überbauung (1977; seit 2007 UNESCO-Welterbe), die Verhinderung einer Autobahn durchs Simmental (1981) und eines Autobahnzubringers durch das Lausanner Seeufer-Quartier Ouchy (1982), die Rettung des historischen Grandhotel Giessbach über dem Brienzersee (1983). Das sind nur die wichtigsten Schutzkampagnen in der Schweiz.

Dazu kommen über dreissig eidgenössische und fünfzehn kantonale Volksinitiativen. Sowie ein atemberaubendes internationales Engagement mit dem Kampf gegen das «Abschlachten» der Robbenbabys (mit Brigitte Bardot, ab 1975), der zweimaligen Rettung der antiken Stätten von Delphi in Griechenland (1979 und 1987), dem Einsatz für die Donau-Auen von Hainburg bei Wien, der Schaffung von Reservaten für Wildpferde in Australien und Elefanten im Togo, der Kampagne gegen den Stierkampf.

Einsatz in Delphi.

An- und Mitreisser

Er muss ein exzellenter Netzwerker sein, könnte man glauben. Doch viel eher war es so, dass er aus eigenem Antrieb etwas anpackte, entschlossen, es wenn nötig allein durchzuziehen, und dass sich dann Menschen, seinem Beispiel folgend, ebenfalls für die Sache engagierten.

Fleissig «netzwerkte» Franz Weber aber immer gegenüber den Medien. Er inszenierte medienwirksame Aktionen, lud Reporterinnen, Fotografen und Kameraleute ein, telefonierte ihnen tagelang hinterher, um sicherzustellen, dass auch möglichst alle kamen. Die Journalisten hatten ihre Story, Weber seinen Wirbel. – Wobei er diesen Wirbel, wie er immer wieder betont, nicht für sich brauchte, sondern für die Sache.

1974 gab Franz Weber seine journalistische Laufbahn auf. 1975 gründete er die Fondation Franz Weber.

Franz Weber, gepflegter Rebell.

Woher kommt die Kraft, der Elan?
Gewiss ist Franz Weber besonders schlau, gewiss ist schon in seinem Charakter mehr Durchhaltevermögen angelegt als bei den meisten von uns, gewiss hat er Charisma, kann andere begeistern, ihm zu folgen und seine Engagements mitzutragen. Woher aber schöpft er seine Kraft, was treibt ihn an? «Ich musste das tun, ich konnte nicht anders», sagt er und bekräftigt: «Das war keine Wahl, es war ein Müssen.»

Webers Begriffe, seine Reden und Auftritte sind oft geprägt von religiösen Kategorien. Er liebt die Schöpfung, die Erhabenheit einer Landschaft, die Anmut von Tieren und auch das Schöne, was der Mensch ‒ als Teil der Schöpfung ‒ geschaffen hat. Er kann gar nicht verstehen, wie man es wagen kann, die Schöpfung anzutasten, Tiere rücksichtslos auszubeuten oder zu quälen, Kulturdenkmäler dem schnöden Profit zu opfern. Da packt ihn der Zorn. «Aber es ist ein heiliger Zorn!», wirft er ein, fast ein wenig entschuldigend.

Franz Weber ist katholisch erzogen worden, seine Vorstellungen von Gott, Schöpfung und Spiritualität sind aber weiter, universeller, nicht an eine Kirche oder Konfession gebunden. Wichtig ist ihm auch der Gedanke, dass wir den folgenden Generationen etwas hinterlassen müssen, dass wir schon deshalb kein Recht haben, die Schönheit der Natur zu zerstören.

Nun hat Tochter Vera das Zepter übernommen
In der Juliausgabe 2014 der Stiftungszeitschrift «Journal Franz Weber» teilte Franz Weber im Editorial mit, dass er das Präsidium nun seiner Tochter Vera Weber übergeben habe. Die Kampagnen zur Abschaffung der Stierkämpfe, für die geschundenen Müllpferde in Lateinamerika und den Kampf für die Robben leite Tochter Vera seit sieben Jahren. «Wie fähig sie ist, hat sich im Abstimmungskampf und Sieg für die Zweitwohnungsinitiative mit aller Deutlichkeit gezeigt.»

MARKUS BÄR

Weitere Informationen

Bücher:
Franz Weber: Die gerettete Landschaft. Frankfurt am Main 1979, Fischer Taschenbuch, ISBN 3-596-24025-5
Franz Weber, René Langel, Judith Weber: Rebell für die Natur. München 2005, Herbig, ISBN 3-7766-2325-X

Website der Fondation Franz Weber: www.ffw.ch

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