Grünes Basler Urgestein

Weder in den achtziger noch in den neunziger Jahren überbaut: Hansjürg Weder auf dem geretteten Bäumlihofareal.

In unserer Porträtreihe begegnen wir diesmal Hansjürg Weder, einem alten Kämpfer gegen AKWs, Heimatverlust und Naturzerstörung. Innerhalb und ausserhalb des parlamentarischen Betriebs hat sich Weder jahrzehntelang für ein ethisch vertretbares Handeln in einer möglichst intakten Umwelt eingesetzt.

Der Vater war Stein- und Holzbildhauer. Auf sonntäglichen Stadtrundgängen, die den beiden Buben endlos vorkamen, brachte er Hansjürg und Jacques das bauhistorische Erbe der Stadt näher, erklärte die Baustile und machte auf Besonderes und Einmaliges aufmerksam. Damit legte der Vater den Grundstein für Hansjürg Weders Interesse am Heimat- und Kulturgüterschutz, eines der Felder, auf denen sich Weder zeitlebens für eine lebenswerte Welt engagierte.

Die andern Felder sind der Kampf gegen die Atomkraft, der Einsatz für den Tierschutz, für eine solidarische Wirtschaftsweise ohne Zinssystem (Weder ist Freiwirtschaftler), das Einstehen für den Frieden und für die Rechte kommender Generationen. Getragen war Weders Engagement immer von einer starken ethischen Grundhaltung, von einer tiefen Überzeugung, «was man darf und was man nicht darf».

Atomkraft: Auch die «friedliche Nutzung» ist unverantwortbar

Zum Beispiel darf man nicht den nächsten Generationen das Problem des Atommülls aufbürden. Das ist, so Weder, «eine verantwortungslose Hypothek». Zuerst hatte Hansjürg Weder ab Mitte der fünfziger Jahre an den Ostermärschen gegen die atomare Aufrüstung teilgenommen. «Später begann ich mich auch gegen die ‹friedliche Nutzung› der Atomenergie zu wehren. Ich erkannte, dass das Atommüllproblem nie gelöst, dass die Sicherheit der Bevölkerung nicht gewährleistet werden kann. Das sogenannte Restrisiko ist für mich unakzeptabel.»

Weder gehörte 1970 zu den Gründern des Nordwestschweizer Aktionskomitees gegen Atomkraftwerke NWA. Und stand fünf Jahre später, am 1. April 1975, als einer der Ersten auf dem Baugelände des AWK Kaiseraugst, um den Beginn der Bauarbeiten zu verhindern. «Hier wird nicht gebaut», beschied er den Baggerführern, die ihre Maschinen starten wollten. Eine starke Bewegung hatte sich gegen das AKW Kaiseraugst formiert, das Gelände blieb für Wochen besetzt. Bis weit ins bürgerliche Lager wurde der Widerstand gegen ein Atomkraftwerk in der dicht besiedelten Nordwestschweiz mitgetragen. Kreise aus der SVP Baselland versorgten die Besetzer mit Gemüse, und der Galerist Ernst Beyeler liess täglich Würste und Getränke anliefern.

Das AKW wurde, wie wir wissen, nie gebaut. Offiziell beerdigt wurde das Projekt 1989, als Weders Motion für den Verzicht im eidgenössischen Parlament durchkam. Auch einen Vorstoss mit demselben Ziel, eingereicht von Regierungsrat Stucky, Zug, im Rat vertreten von Christoph Blocher, nahm das Parlament an. Der Erfolg in der Kaiseraugstfrage blieb dann am Revers des späteren Bundesrats Blocher hängen – und wurde mit einer Entschädigung an die KKW Kaiseraugst AG in der Höhe von 350 Millionen Franken erkauft, natürlich gegen den Willen Weders. Trotz dieses Wermutstropfens sieht Weder in diesem parlamentarischen Durchbruch einen der «ganz grossen Momente in meinem Leben.» Ein zweiter Wermutstropfen in der Sache AKW Kaiseraugst war die Anklage wegen Landfriedensbruchs, welche die Besetzung ihm und fünf weiteren Aktivisten einbrachte. Die Angeklagten wurden zu Bussen in der Gesamthöhe von 22’000 Franken verurteilt. Die Bevölkerung der Region zeigte sich aber mit den «Landfriedensbrechern» solidarisch und übernahm, einem Spendenaufruf der damaligen Gratiszeitung «doppelstab» folgend, die Bussen.

Sieht der alte Kämpfer – Hansjürg Weder ist nun 82 Jahre alt – neue AKWs auf uns zukommen? «Bundesrätin Leuthard hat sich mehrfach für ein bis zwei neue AKWs ausgesprochen. Sie steht wohl der AKW-Lobby nahe.» Ist eine neue Bewegung gegen diese Bestrebungen nötig? «Wir sind schon jetzt gut vorbereitet, das muss ich Ihnen sagen.»

Weder politisierte als Mitglied des Landesrings der Unabhängigen, einer inzwischen verschwundenen sozialliberalen Partei, die der Migros nahestand und von ihr finanziert wurde. Weder war vermutlich der Unabhängigste in dieser Partei der Unabhängigen. Er war ein enorm fleissiger Politiker. Und seiner Zeit oft um Jahre voraus.

Safranzunft und Bäumlihof gerettet

Von 1964–1988 sass Weder im Basler Grossen Rat, von 1983–1995 war er Mitglied des Nationalrats. Zusammen mit seiner Tätigkeit im Basler Bürgerrat ergibt das 48 Jahre parlamentarische Arbeit. «Nebenbei» stand er als Präsident sechs Jahre dem Basler Heimatschutz und fünf Jahre dem NWA vor. Und engagierte sich in zahlreichen Initiativ- und Abstimmungskomitees gegen den Abriss wertvoller Bausubstanz, gegen das Überbauen von Grünflächen, für den Erhalt von Familiengärten. Basel hat Hansjürg Weder viel zu verdanken: Dass die Safranzunft, die Schmiedenzunft und das Altersasyl zum Lamm noch stehen, dass vom Märthof wenigstens die Fassade erhalten blieb, dass sich zwischen Basel und Riehen noch immer der grosse grüne Trenngürtel des Bäumlihofs ausbreitet. Natürlich hat Weder diese Dinge nicht allein erreichen können, aber sehr oft federführend und den Karren ziehend.

Beim Spaziergang auf dem Bäumlihof sagt Weder: «Sie glauben es nicht: Man muss dieses Areal alle paar Jahre von Neuem verteidigen!» «Ja», sinniere ich, «kaputtmachen müsste man es nur einziges Mal ...» «Richtig», merkt Weder an, «das reicht.»

Markus Bär

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