Der König der Frösche

Heinz Durrer, Biologe mit ganzheitlichem Ansatz.

Der Basler Biologe Heinz Durrer hat sich wie kein Zweiter um den Schutz der Amphibien in der Region verdient gemacht. Nicht weniger als zwanzig Weiher und Biotope hat er rund um Basel geschaffen.

Bei diesem Lehrer wäre man gerne zur Schule gegangen. Verpasst: Heinz Durrer, Gymnasiallehrer und ausserordentlicher Professor an der Uni Basel, ist seit elf Jahren pensioniert.

Aber aktiv ist Heinz Durrer noch immer. Er kümmert sich um mehrere der zwanzig Biotope, die er in der Region Basel geschaffen hat. Er arbeitet mit im Trägerverein «Pro Petite Camargue Alsacienne Schweiz» und ist Beisitzer im Leitungsgremium dieses einmaligen Naturschutzgebietes im nahen Elsass.

Belebender Lehrer
Wenn Heinz Durrer erzählt, von der vielen Forschungs-, Aufbau- und Überzeugungsarbeit, die er für den Naturschutz geleistet hat, dann spürt man den Lehrer in ihm. Aber was für einen Lehrer! Seine Begeisterung für die Biologie – die Lehre vom Leben – ist so ansteckend wie das Leben selber. Durrer wirkt nicht belehrend, sondern belebend.

Dabei ist er ein Pragmatiker, kein Schwärmer. Es geht ihm darum, Lebensräume zu schaffen und sie zu beleben. Und zwar nicht irgendwo abgelegen und versteckt, sondern da, wo dieses Leben früher heimisch war, in der nahen Umgebung von Basel: «Das Sundgauer Hügelland war früher eine richtige Weiherlandschaft, in jeder Senke blieb das Wasser stehen.» Zudem sollen die Lebensräume begehbar sein, die Menschen sollen die Natur kennen und vielleicht lieben lernen. Dann setzen sie sich auch eher für deren Schutz ein.

Die Naturschützer der Sechziger- bis Achtzigerjahre tendierten dazu, man solle der Natur einen Platz einräumen, die schützenden Hände darüberhalten – «den Menschen mit fünffachem Stacheldraht aussperren», wie Durrer anmerkt – und warten, bis sich die Natur den Raum zurückerobert. «Laissez faire la nature!»

Schützen allein genügt nicht
Das genügt eben nicht, weiss Durrer aus Erfahrung: «Protéger ne suffit pas, il faut gérer.» Man muss hegen und pflegen.

Denn wir haben überall die Natur ihrer Dynamik beraubt. Früher floss der Rhein breit daher, bei jeder Schneeschmelze staute er sich auf. Überschwemmen, erodieren, sedimentieren: eine grosse Dynamik. Wir leben heute in einer Kulturlandschaft, schon lange nicht mehr in einer Naturlandschaft.

Ohne die Biotope Herzogenmatt, Bammertsgraben und Kuegraben gäbe es heute in Binningen und Oberwil keinen Frosch mehr. Und tatsächlich war der Laubfrosch in der Region Basel praktisch ausgestorben, als Heinz Durrer Mitte der Sechzigerjahre mit dem Bau von Biotopen begann.

«Da könnten Sie in der Ziegelei bauen, was Sie wollen: Es käme nichts. Aber weil es diese Reservate gibt und ich entlang des Weiherbaches bereits Vernetzungsbiotöpchen gebaut habe, ‹Trittsteinbiotope›, deshalb können diese Tiere wieder einwandern.»

Petite Camargue Alsacienne

Betonweiher?!
Durrer, auch schon als «Professor mit der Schaufel in der Hand» apostrophiert, liess öfter sogar Bagger auffahren, der Untergrund für die Weiher wurde betoniert – Beton in der Natur, fast schon ein Sakrileg!

«Wenn ich gezwungen bin, die Natur an ein und demselben Ort zu erhalten, muss ich so bauen, dass ich sie pflegen kann. Naturweiher aber lassen sich nicht pflegen. Ich habe am Anfang alle Weiher mit Lehm gebaut – diese Biotope sind mir unter der Hand weggestorben.»

Jeder Weiher, der über keine eigene Dynamik verfügt, verliere in zehn bis höchstens zwanzig Jahren seinen naturschützerischen Wert. Die Weiher wachsen von der Rändern her zu. Das Pflanzenmaterial stirbt jährlich einmal ab und lagert sich am Grund als Faulschlamm an. Wenn der Sauerstoff aufgebraucht ist, entsteht am Grund eine anaerobe Zone: Der Weiher kippt, unten stirbt alles ab.

Eisweiher Riehen – die erste Erfolgsgeschichte
Die «Mutter aller Reservate» um Basel ist der Eisweiher in Riehen, eingerichtet 1965. Von dort stammen alle Pflanzen und viele Tiere, mit denen die übrigen Weiher belebt wurden. «Das ist immer noch eine Erfolgsgeschichte: Letztes Jahr tauchte dort die Schlingnatter auf, die sonst kaum mehr vorkommt.»

Von den IWB erhielt Durrer die Auflage, die Weiher grundwasserdicht zu machen, die Behörden fürchteten um die Qualität des Trinkwassers. «So habe ich gelernt, Betonweiher zu bauen.»

Durrers Idee war, jeweils etwa die Hälfte der Schutzgebiete mit Fusswegen zu erschliessen. «Gut, vielleicht wurden es da oder dort etwas zu viele Weglein, das gebe ich zu. Aber unser Konzept des Naturschutzes ohne Aussperrung des Menschen hat funktioniert.» Sechs der zwanzig Weiher sind heute Amphibienlaichplätze von nationaler Bedeutung: der Eisweiher, das Autäli und die Wiesenmatten in Riehen, der Bammertsgraben in Bottmingen, die Herzogenmatt in Binningen und die ehemalige Ziegelei in Allschwil.

Unerwünschte Untermieter
«Von Zeit zu Zeit müssen wir die Weiher fischfrei machen. Vor Kurzem legten wir den Herzogenmattweiher trocken. Der Grund sah aus wie eine silberne Fläche: Tausende und Tausende von Blaubandbärblingen lagen da, eine neue Art, die ich noch nie gesehen hatte. Dieser Bärbling kommt aus China, er wird in Rumänien als Futterfisch für die Zanderzucht eingesetzt. Vermutlich über den Tierhandel und dann über die Flusssysteme verbreitet sich der Blaubandbärbling überall.»

Es hatte auch einen Karpfen, etwa fünfzig Schleien und zwei Hechte im Weiher, es gibt schon auch einen natürlichen Eintrag. Und dann gibt es noch jene «Tierliebhaber», die ihre Zierfische oder die von Fünfliber- zu Kuchenblechgrösse angewachsenen amerikanischen Rotwangenschildkröten in den Weihern aussetzen.

«Wenn wir die Weiher nicht periodisch fischfrei machen, dient der Laich der Frösche, der Molche und so weiter lediglich als Fischfutter.»

Schottisches Hochlandrind.

Schottische Rasenmäher setzen Biomasse um

Eine Idee des umtriebigen Professors ist auch der Einsatz schottischer Hochlandrinder in Naturschutzgebieten, zum ersten Mal eingeführt 1990 in der Petite Camargue Alsacienne. Die «Schotten», wie Durrer die zottigen Rinder nennt, dienen nicht nur als «natürliche Rasenmäher», sie haben auch die Aufgabe, Biomasse umzusetzen. Pro Jahr fällt das 16-fache Eigengewicht der Kuh in Form von Mist an. Und im ausgeschiedenen Kuhdung entsteht jährlich ungefähr das Eigengewicht der Kuh in Form von Insekten und anderem Kleingetier. «Das ist die Nahrungsgrundlage für unsere Vögel. Wir müssen die grossen Pflanzenfresser ersetzen». Die Elche, Wisente und grossen Hirsche, die vor Urzeiten den Sundgau durchstreiften, sind ja längst verschwunden.

Die Forschungsstation der Uni Basel in der Petite Camargue konnte nachweisen, dass die Artenvielfalt in den beweideten Flächen nicht zurückgeht, im Gegenteil, die Biodiversität steigt sogar an.

Dieser ganzheitliche Ansatz – vom Kuhmist bis zum Gesang der Nachtigall – zeichnet Heinz Durrer aus. «Das ganzheitliche Denken haben wir beim Portmann gelernt», erklärt Durrer. Er schätzt sich glücklich, dass er beim grossen Basler Biologen und Naturphilosophen Adolf Portmann (1897–1982) doktorieren durfte.

Schüler, Gemeinden und Konzerne eingespannt
Mit Schülern, Studentinnen, Zivilschützern und wissenschaftlichen Mitarbeitenden hat Durrer von 1965 bis zur Jahrtausendwende zwanzig Biotope rund um Basel gebaut und besiedelt. Wer waren seine wichtigsten Bündnispartner? «Die Gemeinden», sagt er ohne zu zögern.

Keine Berührungsängste hat Durrer auch, wenn sich die Möglichkeit bietet, Gelder grosser Unternehmen in den Naturschutz zu leiten. So ermöglichte der Rheinfonds, den die Sandoz nach der Brandkatastrohe in Schweizerhalle von 1986 eingerichtet hatte, die Vergrösserung des Schutzgebietes Petite Camargue.

Wie sieht Heinz Durrer die Lage in der Region Basel für die Amphibien? «Es sieht böse aus», seufzt er. «Es gibt einen generellen Rückgang. Die Gelbbauchunke ist praktisch vom Aussterben bedroht, auch die Kreuzkröte könnte bald verschwinden.» Das Grundproblem sei die Fraktionierung der Lebensräume durch Zersiedelung, Strassen- und Autobahnbau. Die Täler sind nicht mehr durchlässig. «Dabei gäbe es die Lösungen: Man muss grüne Brücken und Unterführungen für die Amphibien einrichten. Und die bestehenden Biotope möglichst gut miteinander vernetzen.

Autor: Markus Bär

Zuerst erschienen im WWF Magazin Region Basel vom September 2012.

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