Trockenruderalgebiete von Basel-Stadt

Was vielen Menschen als «Ödland» erscheint, ist aus biologischer Sicht ausserordentlich wertvoll.

Die Lebensräume des kleinen Stadtkantons sind nicht derart bedeutsam wie diejenigen des Landkantons, doch bei einem Biotoptyp schwingt der Stadtkanton obenaus, nämlich bei den sogenannten Trockenruderalfluren.

Diese sind typisch für ein städtisches Umfeld, ja erst durch die Anlage von Bahnarealen, grossen Industrieflächen und dergleichen entstanden. Die nur wenig bewachsenen, steinigen, nährstoffarmen und voll der Sonne ausgesetzten Böden sind ideal für Wärme und Trockenheit liebende und vor allem auch für konkurrenzschwache Tier- und Pflanzenarten.

Besiedelt wurden diese Biotope aus den umliegenden Gebieten, als die spezialisierten Arten, zum Beispiel die Schlingnatter, dort noch vorhanden waren. So wurden die Bahn- und anderen Areale auch Ersatzlebensräume für zerstörte Kiesflächen von Auen.

Da die wichtigsten Standorte im Bahn- und Industriegelände liegen, sind viele Orte öffentlich nicht zugänglich, so das ehemalige Rangierareal der Deutschen Bahn nördlich der Wiese. Für einen Besuch am besten geeignet ist das Erlenmattquartier. Der neue Park im Zentrum soll auch eine Naturschutzfunktion übernehmen und wird so gepflegt, dass sich Trockenruderalarten an offenen Standorten halten können. Der nördliche Teil ist derzeit in Umgestaltung und soll später in den Park integriert werden. Teile davon präsentieren sich als jährlich gemähte ruderale Rasen.

Beim für Trockenruderalfluren zweitwichtigsten Gebiet Basels, Klybeck und Umfeld der beiden Hafenbecken von Kleinhüningen, hat man an der Uferstrasse und vom unteren Wiesendamm aus Einblick in gut ausgebildete Bestände, dann auch bei der Biegung Hafenstrasse-Südquaistrasse.

Bedeutende Standorte finden sich auch auf Grossbasler Seite, so beim Güterbahnhof Wolf und an der Flughafenstrasse vor dem Kreisel zur Schlachthofstrasse. Diese Ersatzfläche ist öffentlich zugänglich. Wertvoll an besonderen Pflanzenarten und auch gut einsehbar sind ausserdem die gepflästerten Rheinböschungen zwischen Wettsteinbrücke und St.-Alban-Fähre sowie weiter abwärts vom Totentanz bis oberhalb der Dreirosenbrücke.

Foto und Text: Daniel Küry
Nach intensiven Niederschlägen präsentieren sich manche Trockenruderalfluren im Juli überaus bunt.

Botanikerinnen und Botaniker besuchen solche Trockenruderalflächen zum einen im Frühling, ab Mitte April bis Mai, oder dann im Hochsommer. Im Frühling sind eine ganze Reihe Einjähriger am Blühen. Man nimmt die Schönheit der zumeist kleinen Pflänzchen nur bei genauem Hinsehen wahr, so beim Hügelvergissmeinnicht, beim Dreifingerigen Steinbrech und beim Frühlingshungerblümchen. Auffällige, attraktive Arten wie der Sandmohn sind eher selten. In mancher Hinsicht lohnender ist der Besuchen der Trockenruderalflächen im Sommer. Dann sind Hochstauden entwickelt, zum Beispiel das gelb blühende Bitterkraut, der Natterkopf, die Rheinische Flockenblume, der Straussblütige Ampfer und der Weisse Honigklee.

Auch Insektenkundige besuchen teils von weit her die Basler Trockenruderalgebiete, kommen doch in ihnen Insektenarten vor, die man in der Nordwestschweiz nur von hier kennt.

Viele Basler Trockenruderalgebiete befinden sich auf möglichen Bauzonen. Aufgrund der grossen räumlichen Konkurrenz um Boden werden schwach genutzte Brachgebiete in Basel immer seltener. Nicht mehr genutzte Bahnareale sind teils schon überbaut worden. Trotz nationaler, im Falle des ehemaligen DB-Rangierareals nördlich der Wiese sogar internationaler Bedeutung, und trotz gesetzlicher Pflicht für angemessene Ersatzmassnahmen bei Verlust biologisch wertvoller Gebiete geniesst dieser Biotoptyp nur wenig öffentliche Wertschätzung, wohl weil fast nur Fachleute das Besondere dieser schütteren Vegetation zu schätzen wissen und es kaum angemessene Ersatzflächen innerhalb des Kantons gibt. Allerdings können da und dort durch Planung und geänderte Pflege neue Flächen geschaffen werden. Immer wieder stellt man fest, dass Trockenruderalarten imstande sind, neue Orte zu besiedeln.

Foto und Text: Daniel Küry
Ein weitverbreiteter Vertreter der Frühlingsflora von Trockenruderalfluren: Das schon im März blühende, kaum zehn Zentimeter hohe Frühlingshungerblümchen bildet auf nackten Rohböden oft einen weissen Blütenteppich.

Nördliches Erlenmattquartier: Schatzkammer seltener Arten

Botanisch besonders wertvoll sind die sandigen Streifen zwischen den Gleisekörpern mit Grobschotter.

Vom ehemaligen Gelände der Deutschen Bahn ist im neuen Stadtquartier «Erlenmatt» nur im nördlichen Abschnitt ein frei zugänglicher Teil übrig geblieben. Die trockenen, nährstoffarmen, besonnten Böden der Bahn-, Hafen- und Industriegebiete sind ein Refugium für konkurrenzschwache Pflanzenarten. Der Artenreichtum ist enorm: Allein im Gebiet Klybeck und Kleinhüningen wurden in einem Jahr fast 500 Arten von Blütenpfllanzen gezählt.

In Basel-Nord finden sich zahlreiche sogenannte Oberrheinarten, die innerhalb der Region Basel vor allem in der warmen, trockenen Oberrheinebene günstige Bedingungen gefunden haben. Unter den Pflanzen gibt es etliche, die gesamtschweizerisch selten sind oder sogar nur hier vorkommen, wie der Sand-Wegerich. – Was für viele Menschen nach Ödland aussieht, ist aus biologischer Sicht von nationaler Bedeutung.

Im April und Mai ist die Zeit der Frühlings-Einjährigen. Andere Pflanzen, darunter viele Hochstauden, sind im Juli entwickelt. Beide Jahreszeiten sind attraktiv mit vielen seltenen Arten, der Sommer besonders wegen der Buntheit der Ödlandflora.

Das Gebiet beherbergt auch viele regional und national seltene Insektenarten. Im Sommer sieht man in grosser Zahl eine Heuschrecke mit roten Flügeln, die neu eingewanderte Italienische Schönschrecke. Eine andere häufige und für diesen Lebensraum charakteristische Heuschrecke zeigt im Auffliegen blaue Flügelpartien, die Blauflüglige Ödlandschrecke. Abends hört man die wohlklingenden Töne des Weinhähnchen, einer Grillenart, tagsüber die recht lauten Töne der Südlichen Grille.

Anreise: mit Tram oder Velo an den Riehenring, Station «Musical Theater», von dort in den nördlichen Teil des Erlenmattquartiers
Dauer: zwei Stunden
Optimale Zeit: April und Mai für Frühblüher, Juni bis Anfang August für Sommerarten
Variante: weiter zum renaturierten Abschnitt der Wiese oberhalb der Freiburgerbrücke

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