Sie gibt alles, nur nicht auf

Der Verein IDA setzt sich für das artenreiche Gebiet am Schwinbach in Arlesheim ein, zu dem ein geschütztes Feuchtgebiet gehört. Dieses kommt zwischen zwei Überbauungen in die Klemme. Das Gesicht der IDA ist Jennifer Mc Gowan.

Nein, sie fährt kein SUV (das sind diese Geländelimousinen), sie bewohnt auch keine Villa mit Blick aufs Goetheanum, den es unverbaut zu erhalten gälte. So viel zu den Unterstellungen, die in Leserkommentaren der regionalen Presse zu lesen sind.

Jennifer Mc Gowan, aufgewachsen in Zürich als Tochter eines irischen Vaters und einer schweizerischen Mutter, teilt sich in Arlesheim mit einer Freundin eine Zweizimmerwohnung. Das Goetheanum ist nicht zu sehen, ein Auto hat Mc Gowan nicht.

Ich lerne eine ausnehmend freundliche, offene und verbindliche Frau kennen. Seit der Gründung der Initiative Natur- und Kulturraum Dornach-Arlesheim (IDA) 2019 setzt sie sich zusammen mit zehn weiteren Engagierten für den Erhalt des Schwinbach-Areals ein. Sie ist Ärztin und macht noch Weiterbildungen.

Das rund 14’000 Quadratmeter grosse Areal am Schwinbach beherbergt das Feuchtgebiet Schwinbach-Aue mit mehreren Quellen. Es liegt am Fuss des Goetheanum-Hügels auf Arlesheimer Boden und ist Teil eines vernetzten Grüngürtels, der bis zum Naturschutzgebiet Ermitage-Chilchholz reicht. Ein 2040 Quadratmeter grosser Teil der Aue steht unter Naturschutz. Die anschliessende, auch zum Feuchtgebiet gehörende Grünzone von rund 1800 Quadratmetern ist ebenfalls geschützt.

Naturinventar unbrauchbar

Zwei Überbauungen bedrohen die Schwinbach-Aue, oberhalb des Naturschutzgebiets das Projekt «La Colline/Uf der Höchi II», unterhalb das Projekt «Schwinbach Süd».

  • «La Colline»: Hier entstehen 29 Wohnungen und 16 Reiheneinfamilienhäuser. Das Projekt ist bewilligt, der Bau im Gang. Helvetia Nostra/Fondation Franz Weber setzt sich vor Bundesgericht für die Einhaltung der Natur- und Ortsbildschutzgesetze im Rahmen des Bauprojekts ein.
  • «Schwinbach Süd»: Hier sollen 59 Wohnungen in 5 Wohnblöcken entstehen. Gegen das Projekt laufen 186 Einsprachen.

Die Zonenpläne, Quartierpläne und Baubewilligungen beider Projekte müssten auf naturschutzfachlichen Grundlagen beruhen, insbesondere auf einem Naturinventar, das die schützenswerten Lebensräume, Pflanzen- und Tierarten erfasst und die nötigen Schutz- und Pflegemassnahmen beschreibt.

Ein Naturinventar hat Arlesheim aber erst seit November 2015, nachdem der Kanton Druck aufgesetzt hatte. Die Gemeindeversammlung entschied also im Juni 2013 in Unkenntnis der örtlichen Naturwerte über den Quartierplan für «La Colline». Und viel Unkenntnis blieb auch mit dem Inventar von 2015 bestehen: Es könne, wie der WWF Region Basel in seiner Einsprache zur Überbauung «Schwinbach Süd» festhält, «nicht als Naturinventar bezeichnet werden», da es bloss «in einfacher Weise und ohne jeglichen wissenschaftlichen Anspruch» 31 Objekte aufliste.

Angesichts der behördlichen Unkenntnis hat die IDA selber bei Experten Gutachten in Auftrag gegeben.

Hohe Biodiversität

Gutachter Knecht führt unter den Pflanzen zwei Rote-Liste-Arten auf, dazu mehrere prioritäre Arten und Kennarten schutzwürdiger Lebensräume. Für die Tierwelt weist Knecht zwölf Arten aus, die in einer Roten Liste aufgeführt und national prioritär geschützt sind. Sechs Amphibien- und drei Reptilienarten gibtn es in diesem Lebensraum. 46 Vogelarten sind im Areal gehört oder gesehen worden; mindestens 16 Arten brüten hier.

Fehlende Pufferzonen, versiegte Quellen

Das eidgenössische Gewässerschutzgesetz schreibt vor, dass an Gewässern ein schützender Gewässerraum ausgeschieden wird. Das gilt auch für Quellen. Gemäss Natur- und Heimatschutzgesetz sind Feuchtgebiete besonders zu schützen, unter anderem durch ausreichende ökologische Pufferzonen. Eine solche wurde aber zwischen der Bauparzelle «La Colline» und dem Naturschutzgebiet nicht ausgeschieden.

Wo keine vertieften Kenntnisse über die Naturwerte vorhanden sind, lassen sich auch keine Vorgaben definieren, die zum Schutz dieser Naturwerte nötig wären.

Wegen der fehlenden ökologischen Pufferzone wird der Schutz des Feuchtgebietes mit seinen Quellen nicht eingehalten. Die Quellen sprudeln dank unterirdischer Hangwasserströme – genauer: Sie sprudelten, denn mit den Bauarbeiten, unter anderem für die rund 200 Meter lange Tiefgarage, versiegten sie und die Bauherrschaft musste eine Notbewässerung einrichten. Dabei versagte die Baufirma immer wieder: Wiederholt führten die Leitungen gemäss IDA tagelang kein Wasser, dann wieder verschmutztes. Am Sonntag, 2. Mai liefen gemäss Messungen der IDA mindestens 5000 Liter solchen «Betonwassers» ins Naturschutzgebiet, ätzend basisch mit einem pH-Wert von 12, wie die Baselbieter Bau- und Umweltschutzdirektion bestätigt. Die Feuerwehr verhinderte mit Sandsäcken noch Schlimmeres.

Kein Groll

Mc Gowan schimpft nicht, Groll gegenüber den Behörden oder der Baufirma scheint sie nicht zu hegen: «Ich setze mich für etwas ein, nicht gegen etwas.»

Was treibt Jennifer Mc Gowan an, woher kommt die Kraft weiterzumachen? Sie stockt ein bisschen, da ist etwas Grosses, das sie nicht in ein paar Begriffen fassen kann. Ich glaube, es ist ihre Liebe zum Lebendigen. Ist die Schwinbach-Aue nicht bereits verloren, unumkehrbar geschädigt? Da zeigt sich die Ärztin: «Ich gebe meine Patienten nicht auf», sagt Mc Gowan.


Markus Bär
Erschienen im WWF Magazin Region Basel im Mai 2021.

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